Stellen Sie sich vor: Sie kaufen ein Smartphone und erfahren Jahre später, dass der Hersteller des Betriebssystems per Update entscheiden darf, welche Software Sie künftig noch nutzen dürfen. Ab September 2026 ist genau das für Android-Nutzer Realität, sofern Google seine angekündigte Politik umsetzt.

Was Google plant

Im August 2025 hat Google angekündigt, dass ab September 2026 nur noch Anwendungen auf zertifizierten Android-Geräten installiert werden können, deren Entwickler sich zuvor bei Google registriert haben. Diese Registrierung umfasst die Zahlung einer Gebühr, die Zustimmung zu Googles Nutzungsbedingungen, das Hochladen eines amtlichen Lichtbildausweises, die Übergabe des privaten Signaturschlüssels sowie die vollständige Listung aller aktuellen und zukünftigen App-Kennungen.

Das betrifft nicht nur den Google Play Store. Die Pflicht gilt für jede App-Installation auf zertifizierten Android-Geräten, also auf über 95 Prozent aller Android-kompatiblen Geräte außerhalb Chinas. Wer als Entwickler eine App direkt über eine Website, einen alternativen App-Store oder Community-Plattformen wie F-Droid anbietet, wird ab diesem Zeitpunkt von Google zentral kontrolliert.

Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung

Wer bestimmt, welche Software auf einem Gerät läuft, bestimmt mittelbar auch, welche Daten erhoben, verarbeitet und weitergegeben werden. Alternative App-Stores wie F-Droid haben den offenen Charakter von Android genutzt, um datenschutzfreundliche, werbefreie und quelloffene Software zugänglich zu machen. F-Droid bezeichnet Googles Vorhaben in einem offenen Brief als „schwerwiegenden Vertrauensbruch" und warnt, das Projekt könnte in seiner Existenz bedroht werden. Wenn künftig jede App, auch jene ohne Google-Infrastruktur, zur Installation bei Google angemeldet werden muss, entsteht eine zentrale Kontrollinstanz, an der niemand mehr vorbeikommt.

Digitale Souveränität auch für Unternehmen

Wer im Betrieb Android-Geräte oder interne Apps einsetzt, auf Open-Source-Lösungen setzt oder sicherstellen möchte, dass eingesetzte Software nachvollziehbar ist, ist unmittelbar betroffen. Die Initiative „Keep Android Open" warnt: Wer die Kontrolle über seine digitale Infrastruktur an einen Konzern abgibt, verliert digitale Souveränität. Dass die EU den Digital Markets Act (DMA) ins Feld führt und Regulierungsbehörden weltweit auf das Thema aufmerksam gemacht werden, zeigt: Es handelt sich um ein strukturelles Problem, das weit über Android hinausweist.

Widerspruch formiert sich

Die Electronic Frontier Foundation (EFF), die Free Software Foundation Europe (FSFE) und die Software Freedom Conservancy gehören zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes, der Google auffordert, das Programm zurückzuziehen. Auch viele andere Organisationen weltweit haben sich dem Protest angeschlossen.
Auch Heise Online berichtete über die Bewegung. Googles offizielle Position bleibt unverändert: Ab September 2026 müssen alle Apps von verifizierten Entwicklern registriert sein.

Was Sie tun können?

Auf keepandroidopen.org finden sich konkrete Anlaufstellen: von der EU-Kommission über den Digital Markets Act bis zu nationalen Wettbewerbsbehörden. In Deutschland ist das Bundeskartellamt eine mögliche Adresse.
Für Unternehmen lohnt es sich, die eigene Softwareinfrastruktur zu prüfen. Welche Android-Anwendungen sind im Einsatz, wie werden diese bezogen und was bedeutet die Registrierungspflicht für interne Tools?

Fazit

Die geplante Entwicklerverifizierung verschiebt grundlegend, wer die Kontrolle über Software auf privaten und betrieblichen Geräten hat. Für alle, die digitale Selbstbestimmung ernst nehmen, lohnt es sich, die eigene Abhängigkeit von zentralisierten Plattformen zu hinterfragen. Die Frage, wer entscheidet, welche Software auf Ihrem Gerät läuft, ist keine rein technische, sie ist eine Frage der Macht und der Freiheit.
Datenschutz beginnt nicht erst bei der Datenschutzerklärung einer App. Er beginnt damit, wer die Regeln festlegt, nach denen Technologie zu Ihnen gelangt. Wer informelle Selbstbestimmung ernst nimmt, sollte diese Entwicklung aufmerksam beobachten.